Warum brauchen wir Warenbörsen?
Geschichte
Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden an der Börse in Amsterdam Warentermingeschäfte getätigt. Der eigentliche Massenumsatz begann jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Gründung des Chicago Board of Trade. Diese Börse wurde 1848 gegründet.
Der Warenterminhandel blieb nicht auf die USA beschränkt. Auch in anderen Ländern setzte er sich durch, hatte aber zu Beginn der 30er Jahre angesichts der Weltwirtschaftskrise und den damit verbundenen Handels- und Devisenbeschränkungen schwer zu kämpfen.
Nach dem 2. Weltkrieg setzte der Warenterminhandel in den USA zu neuer Blüte an. Die daraus entstandenen traditionellen Warenbörsen in New York und London haben im Laufe der modernen Zeit den elektronischen Plattformen Platz gemacht und ihre Namen geändert.
New York: ICE Futures U.S. (InterContinental Exchange)
London: NYSE LIFFE (vormals nur LIFFE = London International Financial Futures and Options Exchange)
Zweck
Wenn zuvor die Warenbörse als bestimmend für die Preisfindung beschrieben wurde, soll hier eine Erklärung folgen, wie Preise an der Warenbörse entstehen und weshalb diese Institution aus dem Kaffeehandel nicht mehr wegzudenken ist.
Ein Plantagenbesitzer kann an der Börse seine Ernte zu einem Zeitpunkt verkaufen, zu dem das Preisniveau günstig ist und damit seinen Ertrag sichern. Ein Händler kann das Risiko eines Verkaufs absichern, indem er die Ware an der Börse beschafft, die am Ursprung noch nicht erhältlich ist (für diese zwei Fälle finden Sie auf den folgenden Seiten je ein Beispiel).
Wer kann an der Börse handeln?
Es sind mehrheitlich Firmen aus dem Kaffeehandel an der Börse tätig. Meistens werden die Transaktionen über eine Maklerfirma getätigt, die eine Zulassung an der Warenbörse besitzt. Dennoch kann jedermann, der über die erforderlichen Sicherheiten verfügt und diese hinterlegt, Kaffee kaufen und verkaufen.
Was wird gehandelt?
Preis, Menge, Qualität und Liefertermin sind die wichtigsten Inhalte des Kontraktes. Die Menge und Qualität sind normiert (siehe unten). Für jeden Liefertermin wird der Preis separat gehandelt. Dies bedeutet, dass der Mai-Kontrakt nicht zum gleichen Preis gehandelt wird wie der Juli-Kontrakt.
Gehandelt werden:
ICE Futures U.S.
1 Kontrakt = 37‘500 lbs (ca. 17'010 kg) Arabica
in US-$cents per lb (= pound, Am.)
für März, Mai, Juli, September und Dezember
NYSE LIFFE
1 Kontrakt = 10’000 kg Robusta
in US-$ per metric ton (= 1‘000 kg)
für Januar, März, Mai, Juli, September und November
Auch das Unmögliche wird möglich
Ein Käufer, der für Lieferung im nächsten Jahr Kaffee kaufen möchte, findet oft keinen Verkäufer im Ursprungsland, weil die Ernte noch bevorsteht. Deshalb kauft er den Kaffee an der Börse, wo auch entfernte Termine gehandelt werden.
Der Preis
Ein Käufer oder Verkäufer gibt sein Interesse und seine Preisvorstellung an seinen Börsenmakler weiter. Innert kürzester Zeit (Minuten) kann so ein Handel zustande kommen. Andernfalls muss das Angebot mit einem attraktiveren Preis wiederholt werden.
Ein Börsenkontrakt kann wieder verkauft/zurückgekauft werden
Die Verkäufer oder Käufer an der Börse erhalten vorerst nur ein Papier mit den Details über die eingegangene Verpflichtung. Ob der Käufer die Ware wirklich bei der Börse bezieht, oder der Verkäufer die Ware an der Börse liefert (andient), ist noch völlig offen. Es steht beiden Teilen jederzeit frei, vor dem Datum der Fälligkeit, das Geschäft durch einen entsprechenden Handel wieder rückgängig zu machen.
Das Glattstellen von Verpflichtungen wie dieser Vorgang genannt wird, bedeutet z. B. für den Käufer, dass er den Kaffee wieder verkaufen muss. Das geschieht dann natürlich zum aktuellen Tagespreis und kann zu Gewinn oder Verlust führen. Die beiden Geschäfte, Kauf und Verkauf heben sich bei einer solchen Operation zwar gegenseitig auf, sind aber voneinander unabhängige getrennte Kontrakte. Oft wird ein Kontrakt dann glattgestellt, wenn das Geschäft mit der physischen (echten) Ware getätigt werden kann.
Die Börse als Spiegel der Interessen
Der Umsatz von Kontrakten an der Börse beträgt ca. das Dreifache des Handels mit effektiver Ware. Deshalb ist der Preis ein echter Indikator für das Interesse zu verschiedenen Lieferterminen.
Man könnte die Warenbörse als den "grossen Marktplatz des Kaffeehandels" bezeichnen, wo sich alle Interessenten, Verkäufer und Käufer treffen. Die gehandelten Preise und Mengen werden täglich publiziert und sind für jedermann ersichtlich. Mit den entsprechenden technischen Voraussetzungen können sich die Handelspartner die Daten auch im Büro auf dem Bildschirm anzeigen lassen und den Handel laufend beobachten. Die daraus resultierende Transparenz ist enorm und für alle Beteiligten ein grosser Vorteil.
Die rasche Abwicklung und die Möglichkeit, Waren auf entfernte Termine zu handeln, sind von grossem Nutzen.
Negative Schlagzeilen über Warentermingeschäfte sind vermutlich die Ursache für den schlechten Ruf dieser Institution in weiten Kreisen. Ob es gelingt, den nicht involvierten Leser vom Gegenteil zu überzeugen, sei dahingestellt. Sicher ist, dass die Börsen von New York und London für den Kaffeehandel unentbehrlich geworden sind. Mit zwei vereinfachten Beispielen soll der Sinn und Zweck von Termingeschäften dargestellt werden.
Beispiele von typischen Warentermingeschäften
Fall 1
Ein Exporteur und Plantagenbesitzer braucht für die Finanzierung seiner Unkosten einen Bankkredit. Die Ernte ist erst in einigen Monaten bereit und es gibt noch keine Käufer auf diesen Termin. Er kennt somit den Verkaufspreis noch nicht und die Bank beurteilt das Geschäft als zu riskant. Das derzeitige Preisniveau würde ihm jedoch sein Einkommen sichern und einen Gewinn abwerfen.
Lösung
Verkauf an der Börse zum heutigen Marktpreis auf Termin 160 cents/lb
Nun sind der Preis und sein Erlös bekannt, die Bank kann die
Finanzierung übernehmen.
Nach einiger Zeit finden sich Käufer für seine inzwischen ein-
gebrachte Ernte. Er hat nun die Wahl, seinen Kaffee an die
Börse zu liefern oder an einen Interessenten zu verkaufen.
In den wenigsten Fällen wird er den Kaffee an die Börse liefern.
Er kauft deshalb die Kontrakte von der Börse zurück. Falls der
Marktpreis gestiegen ist, wird er mit Verlust zurückkaufen.
Er bezahlt für den gleichen Kontrakt nun 170 cents/lb
Der Verlust an der Börse beträgt 10 cents/lb
Der Verkauf an seine Kunden wird aber auch auf dem der-
zeitigen Preisniveau getätigt; er verkauft zu 170 cents/lb
Der Gewinn aus dem Verkauf der Ernte beträgt somit ebenfalls 10 cents/lb
Transaktionen werden, wie in diesem Beispiel, in den meisten Fällen rückgängig gemacht. Sie werden zur Absicherung eines Preisrisikos über einen gewissen Zeitraum getätigt. Es ist dabei egal, ob der Preis sinkt oder steigt. Diese Aktion ist erfolgsneutral. Dieser Handel wird auch "hedge" genannt. Einige Details wurden mit Absicht beiseite gelassen, um das Beispiel zu vereinfachen!
Fall 2
Ein Händler erhält ein Kaufangebot von einem Röster. Zurzeit ist dieser Kaffee im Ursprung nicht erhältlich. Wenn er das Geschäft nicht tätigt, wird der Röster eventuell bei der Konkurrenz kaufen. Falls er dieses Geschäft abschliesst, trägt er das volle Preisrisiko, bis er selber die Ware beschaffen kann. Er umgeht dieses Risiko durch einen Kauf der entsprechenden Menge an der Börse.
Lösung
Er kauft an der Börse zu 160 cents und kalkuliert den Verkaufs-
preis an den Kunden auf dieser Basis mit 5 cents Gewinn 165 cents/lb
Etwas später wird der Kaffee im Ursprung erhältlich, aber der
Marktpreis hat sich inzwischen um 20 cents nach oben bewegt.
Er verkauft seine Kontrakte mit Gewinn an die Börse zurück
und stellt damit seine Verpflichtung glatt 180 cents/lb
Sein Gewinn an der Börse beträgt 20 cents/lb
Nun muss er am Ursprung die Ware für den Kunden beschaffen
und bezahlt dafür auch entsprechend mehr, nämlich ebenfalls 180 cents/lb
Er erleidet deshalb einen Verlust im effektiven Geschäft von 15 cents/lb
Damit ist auch dieser Handel erfolgsneutral und hat lediglich das
Preisrisiko bis zum Zeitpunkt der Verfügbarkeit der Ware gedeckt.
Spekulative Geschäfte von Personen, die nicht im Kaffeehandel tätig sind, können den Kaffeemarkt nur vorübergehend beeinflussen. Jedem Gewinner an der Börse steht ein Verlierer gegenüber. Da ein spekulativer Käufer die Ware nicht verbrauchen und ein spekulativer Verkäufer die Ware nicht liefern kann, werden das Angebot und die Nachfrage letztlich nicht beeinflusst. Die vermehrten Aktivitäten bewirken aber rasche und grössere Schwankungen an den Börsen. Das Problem besteht darin, dass im Kaffeehandel nicht beteiligte Dritte eine Wertschöpfung aus dem Kaffeehandel erzielen die den Handelspartnern abhanden kommt.



